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Kaiserwinkl

Schwerelos über dem Kaiserwinkl

So fühlt sich das erste Fliegen an

Andreas Gruhle

Andreas Gruhle

„Und laufen, laufen, laufen. Immer weiter, weiter, weiter“, schreit mir mein Namensvetter von hinten über die Schulter. Aber das ist leichter gesagt als getan. Die ersten Meter laufen noch wie geschmiert. Plötzlich zieht eine unbekannte Kraft und versucht uns beide am Boden zu halten. Die Beine werden fast unmittelbar schwer und ein Fortkommen scheint nicht mehr möglich.

Am Misthaufen einmal links

Die Gedanken an meinen ersten Gleitschirmflug sind präsent als wäre es gestern gewesen. Wobei es nicht mein gänzlich erster Versuch war, der Welt einfach davon zu entschweben. An einem kleinen Hügel in Oberfranken sammelte ich meine ersten Flugerfahrungen. Wie ein Küken, das nach Monaten der Nestpflege plötzlich von seinen Eltern angestupst wird, um doch bitte endlich flügge zu werden. Lang ist es her, als ich ohne Tandem, aber am Seil gesichert meine ersten Erfahrungen sammeln sollte. Die endeten mit einem Fluglehrer, der nach zehn Metern beim Hügelhinablaufen stolperte und mein Sicherungsseil losließ und mit einer ziemlich perfekten Landung ohne fremde Hilfe. Die fehlende Thermik an diesem Tag sorgte dafür, dass ich wohlbehalten am Fuß des Hügels landete. Und das, ohne den riesigen Misthaufen direkt daneben zu erwischen.

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Faszination Gleitschirmfliegen

Von fehlender Thermik kann keine Rede sein während ich mit Fluglehrer Andi von der Flugschule Kössen in der Gondel hinauf auf das Unterberghorn sitze. Der Himmel über Kössen ist – wie so oft an schönen Sommertagen – gefüllt mit Gleitschirmfliegern. Bei 25 höre ich auf zu zählen. Wahrscheinlich sind es deutlich mehr, die da oben ihre Kreise ziehen, die man bei ihren Spiralen und Kreuzungen aber nicht alle zählen kann. Stehen die Aufwinde günstig, können sie sogar mehrere Stunden am Himmel bleiben und Distanzen von 100 Kilometer und mehr zurücklegen.

Schon lange begeistert mich das Gleitschirmfliegen. Welch elegante Art und Weise, die Berge und die Welt von oben zu entdecken. Sanftes Schweben und sanftes Dahingleiten. Welch schöne und einfache Möglichkeit das doch ist, nach einem langen Abstieg einfach hinab zu segeln.

Ein bisschen der idyllischen Vorstellung nimmt mir mein Fluglehrer direkt. Andi berichtet von heiklen Situationen im Startbereich, die durch Flieger entstehen, die zu wenig Übung haben oder die sich nicht an die Grundlagen halten, die in der langwierigen Ausbildung zum Gleitschirmfliegen eigentlich erlernt werden. Und tatsächlich können wir am Unterberghorn beobachten wie ein Gleitschirmflieger den Stahlseilen der Gondel gefährlich nahe kommt, um im letzten Moment aber noch das Ruder rumzureißen.

Einmal mit dem Fliegen angefangen, heißt es dran zu bleiben, stellt Andi klar. Ein guter Gleitschirmflieger investiert seine freie Zeit in erster Linie in ein einziges Hobby: Das Gleitschirmfliegen. Lebenslanges Lernen. Erkennen von brenzligen Situationen bevor sie brenzlig werden. Wolken- und Wetterbedingungen abschätzen. Bis heute halten mich seine Worte ab, es mit dem Fliegen doch ernsthaft zu versuchen. Zu viele andere Dinge bereiten mir ebenfalls zu viel Freude, die ich nicht missen möchte.

Am Startplatz auf dem Unterberghorn

Zurück auf dem Unterberghorn beginnen die Startvorbereitungen. Mit traumwandlerischer Sicherheit breitet Andi den Schirm aus, legt Leine um Leine aus, während ich einfach nur dastehe und der Dinge harre, die da geschehen mögen. Es dauert nicht lang und wir stehen aneinander gesichert in Startposition. Ein paar letzte Instruktionen und auf geht`s.

„Und laufen, laufen, laufen. Immer weiter, weiter, weiter“, tönt es lautstark von hinten. Während der Gleitschirm sich beim Anlaufen mit Luft füllt und immer weiter aufsteigt, erreicht er seinen höchsten Punkt und bremst uns unmittelbar aus. Jetzt heißt es erst recht, dran zu bleiben. Die Füße versuchen dagegen anzukämpfen. Ein wenig mehr Grip hier, ein wenig mehr Tritt da und es ist geschafft. Langsam aber sicher nehmen wir Fahrt auf und beinahe ohne es zu merken, strampeln meine Füße und Beine immer noch, obwohl sie es gar nicht mehr bräuchten, da wir schon längst über dem Boden sind.

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Über den Dingen

Rasant werden die Dinge unter uns kleiner. Die Heidelbeersträucher sind kaum mehr erkennbar. Wir passieren die Baumwipfel während uns eine hinauf wandernde Familie von unten zuwinkt. Meter um Meter treibt uns die Thermik hinauf. Die Füße baumeln über dem Uferlosen. Einzelne Menschen, klein wie Ameisen tummeln sich an der Talstation der Bergbahn. Der Walchsee glitzert ein paar Kilometer entfernt.

Es fühlt sich herrlich an und doch anders als gedacht. Richtig aufgeregt war ich vor meinem ersten Flug und viel zu früh am vereinbarten Treffpunkt. Der Flug selber ist dann nämlich weniger aufregend. Es ist ein sanftes Gleiten. Ein Gefühl von Schwerelosigkeit, das sich im Körper breit macht. Und ein erstauntes Schauen und Gucken auf den Kaiserwinkl da unten, das Kaisergebirge da drüben. Eine eindrucksvolle Sicht auf die Dinge und einfach eine völlig neue Perspektive.

Im Abwärtstrudel

„Willst du noch ein bisschen Action“, fragt Andi mich plötzlich von hinten und reißt mich aus meinen fast schon träumerischen Gedanken. „Man kann das nicht mit jedem machen, aber dir traue ich locker zu, dass du das gut mitmachst“, klärt er mich auf. Bevor ich wirklich eine Meinung dazu habe, geht es schon los.

Eine Minute oder zehn Sekunden? Ich weiß es nicht. Die Zeit verfliegt als wären wir in der Nähe eines schwarzen Lochs. So fühlt es sich auch an, denn wir beschleunigen mächtig und es geht steil abwärts. In einer großen Spirale sausen wir hinab. Der Magen wird flau, das Herz rutscht tiefer. Nach kurzer Zeit ist das Spektakel vorbei und ich weiß, dass mir das sanfte Dahingleiten und Schweben doch lieber ist. Die entwichene Farbe in meinem Gesicht scheint auch meinen Fluglehrer davon zu überzeugen.

Da der Boden unter uns noch ein ganzes Stück weit weg ist, gibt Andi mir die Zügel in die Hand. Vorsichtig taste ich mich heran, fliege meine ersten eigenen Kurven, lerne den Schirm und seine Persönlichkeit kennen. Ein paar Grundlagen, die ob des Moments in der Luft freilich schnell wieder vergessen sind, gibt mir mein Fluglehrer mit auf den Weg.

Und dann ist Kössen plötzlich greifbar nahe. Die Dächer kommen näher. Nach einer letzten Kurve über der Landezone setzen wir zum Bodenkontakt an. Andi legt eine butterweiche Landung hin und mit festem Boden unter den Füßen rutscht auch das Herz wieder dahin, wo es hingehört. Das obligatorische Stamperl Zirbenschnaps in der Fliegerbar leistet dabei wohl auch seinen Beitrag.

Was bleibt und was kommt

Zurück bleibt die Erinnerung an ein einmaliges Erlebnis, dem später aber noch ein paar weitere Tandemflüge folgen sollten. Ob dem irgendwann doch noch die Anmeldung in einer Flugschule zum Lernen des Gleitschirmfliegens folgt? Im Moment wohl eher nicht und doch hat die Gleitschirmfliegerei einen ganz eigenen Reiz, der mit so einem Flug vielleicht erst richtig herausgekitzelt wurde.

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