Kössen Anfang Juni
Gleitschirme, Harleys und ein voller Kalender im Kaiserwinkl
Anfang Juni ist der Kaiserwinkl kaum wiederzuerkennen. Innerhalb weniger Tage verwandelt sich der Ort gleich zweimal – einmal in einen Treffpunkt für Gleitschirmflieger aus ganz Europa, und einmal ins Harley-Mekka der Tiroler Alpen. Ich war bei beiden dabei, zwar nicht jeden Tag aber ich muss sagen: So viel Programm in Kössen gibt es selten auf einmal.

Los ging es mit den "Days of Thunder". Schon ein paar Tage vorher hatte man es gehört, bevor man es sah. Kössen gilt unter Bikern als „kleines Sturgis” – als Europas Harley-Dorf mit der höchsten Harley-Dichte. Vom 3. bis 6. Juni fand das älteste Harley-Treffen Österreichs zum 43. Mal statt, mitten bei uns im Kaiserwinkl. Wer durch den Ort ging, sah an jeder Ecke polierte Maschinen, Leder und Chrom. Die Gastgärten voll, die Stimmung gut.
Der erste Tag war verregnet – die geplante Ausfahrt fiel aus. Schade, aber keiner hat sich davon die Laune verderben lassen. Am zweiten Tag war das Wetter besser, und die Kolonne kam durch Kössen. Ich habe am Straßenrand zugeschaut. Eine Maschine nach der anderen, der Sound der Motoren hallt noch eine Weile nach, nachdem die letzte um die Kurve verschwunden ist. Entlang der Strecke standen viele Zuschauer und bestaunten die polierten Maschinen. So ein Moment macht deutlich, warum dieses Treffen seit 43 Jahren funktioniert.

Aufgeboten wurde alles, was das Bikerherz höherschlagen lässt: Händlermeile, Motorradprämierung, gemeinsame Ausfahrten, Bikewash, Festzelt, Bars, Tattoos und Live-Bands. Die gemeinsame Ausfahrt am Samstag war erneut einer der Höhepunkte des Wochenendes. Das Treffen zeiget sich dabei von seiner vielseitigen Seite: laut und bunt, aber zugleich geprägt von Gemeinschaft und einer besonderen Atmosphäre.
Kaum war das Treffen vorbei, rollte schon die nächste Welle an – diesmal von oben. Wobei „kaum vorbei” nicht ganz stimmt: Das Testival lief zeitgleich mit den "Days of Thunder", vom 4. bis 7. Juni. Kössen hatte also an manchen Tagen gleichzeitig dröhnende Motoren im Ort und bunte Schirme am Himmel – das ist Kössen im Juni.

Wir haben uns einen Morgen gegönnt und an der Fliegerbar gefrühstückt. Die Auswahl hat mich positiv überrascht: Humusbrot mit Hüttenkäse, Erdnussbutterbrot mit Banane und Granola – oder wer es klassisch mag, eine Leberkässemmel. An einem sonnigen Tag einfach draußen sitzen, Kaffee trinken, während die ersten Piloten landen, den Start in den Tag genießen. Besser geht es kaum.
Tagsüber meist gutes Wetter, die Thermik stimmte, und man hat es gemerkt: Schirm nach Schirm kam am Landeplatz neben der Fliegerbar an. Einer nach dem anderen, fast im Minutentakt. Wer das noch nie gesehen hat – es ist einfach faszinierend. Die Farben, die Ruhe kurz vor der Landung, dann das leise Rascheln des Schirms wenn er zusammenfällt. Ich stehe da und schaue zu, und irgendwann fragt man sich unweigerlich, ob man nicht selbst mal wieder einen Tandemflug machen sollte.

Was das Testival besonders macht: Es ist kein gewöhnliches Fliegerevent. Alle großen Hersteller sind an einem Ort versammelt, und Piloten können die neuesten Schirme und Gurtzeuge kostenlos direkt vor Ort testen. Echter Vergleich, echtes Feedback, alles an einem Wochenende. Das zieht Flieger aus ganz Europa nach Kössen – und das merkt man. Am Landeplatz, an der Fliegerbar, überall hört man Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch. Kössen ist an diesen Tagen wirklich international.
Kössen hat eine lange Geschichte mit dem Fliegen. Die Flugschule hier ist die älteste in Europa – das Testival passt also gut hierher. Es ist kein aufgesetztes Event, sondern etwas das aus dem Ort herausgewachsen ist. Das spürt man.
Abends kam dann leider der Regen, aber das hat niemanden gestört. Da war man sowieso schon längst an der Fliegerbar. Das Frühstück dort war übrigens wirklich gut – ein schöner Start in den Tag, bevor der Betrieb so richtig losging. Wer selbst nicht fliegt, ist trotzdem willkommen. Einfach hinsetzen, zuschauen, Kaffee trinken – und den Himmel beobachten.
Zwei Events, eine Woche, ein Ort. Kössen kann das – und macht es seit Jahrzehnten.

Stefanie Hamberger, 30 arbeitet beim Tourismusverband Kaiserwinkl und ist mittendrin im Geschehen. Ursprünglich aus Bayern zugezogen, bringt sie mit viel Engagement und feinem Gespür für die Region frische Ideen ein und kennt den Kaiserwinkl aus nächster Nähe. Ob aktuelle Themen, besondere Plätze oder echte Geheimtipps – hier erwarten euch die „Insider Stories“ aus dem Kaiserwinkl!


